Der nicht gehörte Schuß
Friday, March 12, 2010, 12:54 - Fundstücke, Abzocke
Seit ein paar Tagen fallen mir komische Artikel vor die Füße. Eigentlich korrekt: Artikel mit komischen berichteten Aussagen: Dass das geplante Leistungsschutzrecht juristisch nur sehr schwer zu fassen ist, machte Professor Karl-Nikolaus Peifer vom Institut für Medienrecht der Universität zu Köln deutlich. So ist bisher nicht klar, auf welche Leistung der Verlage das geplante Leistungsschutzrecht denn fußen soll. Peifer verwies auf ein Urteil von 1928, bei dem bereits das deutsche Reichsgericht das exklusive Recht auf Nachrichteninhalte negiert hatte. […] Übrig bleibt die separate Definition der Verlagstätigkeit, die in der Auswahl und dem Arrangement der Informationen besteht.
In diese Kerbe schlug [der Cheflobbyist der Axel Springer AG, Christoph] Keese : "Das Netz quillt über mit Informationen – wir organisieren die Rangreihenfolge. Das ist die Leistung, die wir bringen." Diese solle in Zukunft separat bezahlt werden, indem gewerbliche Websurfer zur Kasse gebeten werden. […]
Notwendigkeit für eine Grundsatzdebatte sieht Keese nicht – bei der Diskussion um das Leistungsschutzrecht handelt es sich aus seiner Sicht nur um eine juristische Fachdiskussion. […] Die Einführung eines Leistungsschutzrechts sei aber aus praktischer Sicht notwendig: "In jedem Einzelfall die Rechtekette nachzuweisen ist unsagbar aufwändig, dass sich das gesamte Modell nicht mehr lohnen würde", sagte Keese. So seien alleine bei der Welt Texte von über 30.000 Autoren erschienen, die oftmals keinen expliziten Vertrag unterschrieben hätten.
Doch nicht nur Internetkonzerne, auch die Leser der Verlagsangebote sollen zahlen, zumindest wenn sie die Informationen beruflich nutzen oder mit einem Rechner an ihrem Arbeitsplatz sitzen. […]
Das ist schon kraß. Und irgendwie auch respektabel, wie hier, anstatt selbst tätig zu werden und die eigenen Angebote anstatt für Lau rauszuhauen, mittels Mauthäuschen von der eigenen Webseite zu vermarkten, nach dem Staat und einem »Leistungsschutzrecht« für die Leistung »Organisation der Rangreihenfolge« von Informationen getrommelt wird.
Sorry, Folks, aber wer keine Maßnahmen ergreift, seine ach-so-wertvollen »Rangreihenfolgen« zu sichern, der ist nur eiens: selbst schuld. Man löse nicht mit wirren Gesetzen etwas, was mit Technikeinsatz in 15 Minuten aus der Welt geschaffen werden kann. Ich kann daher Thomas Stadler nur recht geben, wenn er schreibt:
Weshalb diese Forderung auch nur ansatzweise legitim sein soll, erschließt sich mir aber nicht. Warum sollen ausgerechnet gewerbliche Nutzer von PC's für die Inhalte von Springer, Burda und Co. bezahlen? Mein Vorschlag an die Verlage: Wenn Sie Geld für Ihre Internetangebote wollen, dann verlangen Sie es doch einfach. Niemand verbietet den Verlagen Paid Content Angebote einzuführen.
Natürlich tun mir die Verlage leid, die jetzt doch schon den Weg antreten, den die Musikindustrie schon fast hinter sich hat, insbesondere tun mir jene Verlage leid, die sehenden Auges sich nicht gekümmert haben um ihr Überleben in einer zunehmend digitaleren Welt — für sie ist schlicht kein Platz mehr in dieser Welt, wie es auch keinen Platz mehr für den Schuster gibt, der schon zu meiner Kindheit in der zweiten Hälfte des letzten Jahrtausends ein aussterbender Beruf war (wir hatten noch einen, nein, zwei Schuster-und-Sattler im Ort, damals, 30 Jahre nach dem letzten Krieg …). Wieso man deren Überflüssigkeit mittels eines obskuren, ungriffigen »Leistungsschutzrechts für Verleger« kaschieren sollte, erschließt sich mir nicht.
Und nicht nur mir; wenn es denn aber kommt, werde ich wohl Verleger werden müssen, um auch, ohne großes Zutun, was vom großen Kuchen abzubekommen. Alternativ finde ich die Idee von Thomas Knüwer nett wie konsequent:
[…] Das ist alles Arbeit, da sind keine Agenturmeldungen oder Artikel aus problematischeren Quellen wie Aktiencheck dabei, was diese Angebote von Welt.de unterscheidet.
Diese Seiten werden auch von Mitarbeiter der Axel Springer AG besucht, dass lässt sich leicht erkennen. Und deshalb bin ich mir sicher, dass der Verlag es nicht ablehnen wird, für jeden seiner Mitarbeiter 0,1 Cent monatlich für jeden seiner 10.000 Mitarbeiter zahlen. An mich. Für die guten Seiten. Dass Christoph Keese da nein sagt, seine Mitarbeiter aber weiterhin diese Dienste nutzen lässt, das kann ich mir einfach nicht vorstellen.
Zurück Weiter



